Die Medienbeteiligungen der SPD. Falsche Behauptungen.

von Prof. Dr. Michael Haller, Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig

In der breit gestreuten Kundenzeitschrift des Media-Unternehmens Medien-Tenor wurde im Frühjahr 2002 die Behauptung aufgestellt, Zeitungen aus Verlagen mit dd_vg.-Beteiligung hätten zurückhaltender über den Kölner Spendenskandal und umso intensiver über entsprechende Vorkommnisse bei der CSU berichtet.

Der Beitrag vom 15. April 2002 ("In der Regel kann nichts ohne uns passieren") greift zwei Medienereignisse aus: Zum einen die Berichterstattung über die Stern-Publikation zu CSU-Spendengeldern im Januar 2002, zum anderen die Berichterstattung über den Kölner SPD-Bestechungsskandal im März 2002. Dabei wird behauptet:

  • Zeitungen mit SPD-Beteiligung hätten besonders „intensiv“ über den „vermeintlichen Stern-Scoop gegen die CSU berichtet, und zwar auch dann noch, als die Sache von anderen Medien längst als gegenstandslos abgehakt wurde“ (vgl. MT Nr. 119, S. 68);

  • Zeitungen mit SPD-Beteiligung, insbesondere die SäZ und die LVZ, hätten Nachrichten über die Vorgänge in Köln systematisch unterdrückt („intensives Schweigen“)

  • Als Zeitungen mit SPD-Beteiligung endlich auf die Kölner Affäre zu sprechen kamen, hätten sie dies „unter beständigem Verweis auf die CDU-Spendenaffäre“ getan: Insbesondere die SäZ habe im Zeitraum vom 5. bis 13. März in „73 Prozent aller Beiträge (...) einen deutlichen Verweis auf die Verfehlungen der Union“ gebracht. Bei der HAZ seien es 62 Prozent, bei der LVZ 46 Prozent.

  • Die Zeitungen mit SPD-Beteiligung hätten die Vorwürfe gegen die CSU so dargestellt, „als hätten die Christlichsozialen noch keine Maßnahmen ergriffen, geschweige denn eine Lösung gefunden.“ Umgekehrt hätten die Zeitungen beim Kölner SPD-Skandal den Eindruck erweckt, „das Problem sei schon lange gelöst.“

Der Kern der Behauptungen – dd_vg.-beteiligte Tageszeitungen betreiben Gefälligkeitsjournalismus zu Gunsten der SPD – bedingt eine entsprechende Untersuchungsmethode.

Um die Art der Berichterstattung und die Stichhaltigkeit der Behauptungen prüfen zu können, suchten wir zu den vom Medien-Tenor genannten drei Zeitungen (HAZ, LVZ, SäZ) drei äquivalente Regionalzeitungen ohne SPD-Beteiligung (mit politisch eher liberal bis konservativ eingestellten Eigentümern), die in ihrer Machart, in ihrer Größe (Auflage, Lokalausgaben) wie auch in Bezug auf ihr Verbreitungsgebiet (nicht NRW, nicht Bayern) vergleichbar sind. Um Art und Umfang der Berichterstattung besser erfassen zu können, wurde zusätzlich mit der überregionalen Zeitung Die Welt ein Blatt herangezogen, das nicht im Verdacht steht, SPD-freundlich zu berichten.

Zeitungen mit dd_vg.-Beteiligung:

  • Leipziger Volkszeitung LVZ (50% Verlagsgesellschaft Madsack, darin eingeschlossen durchgerechnete 10,2% dd_vg.-Anteile; 50% Axel Springer-Verlag)

  • Sächsische Zeitung SäZ (60% Gruner + Jahr, 40% dd_vg.)

  • Hannoversche Allg. Zeitung HAZ (100% Verlagsgesellschaft Madsack, dd_vg.Beteiligung bei Madsack 20,389%)

Zeitungen ohne SPD-Beteiligung:

  • Magdeburger Volksstimme MV (100% Heinrich Bauer Verlag)

  • Freie Presse FP (Chemnitz) (100% Medien-Union, Ludwigshafen)

  • Mitteldeutsche Zeitung MZ (Halle) (100% DuMont Schauberg, Köln)

Zum Vergleich:

  • Die Welt, Berlin (Axel Springer-Verlag)

Auch wenn für eine profunde  Analyse viel zu kurz, wurde aus methodischen Gründen der vom Medientenor gesetzte Zeitrahmen übernommen: Für das Stern/CSU-Ereignis die drei Berichtstage 2. bis 4. Januar, für den Kölner Skandal die Zeit vom 5. bis 13 März 2002. Während der genannten Zeiträume wurden sämtliche Texte und Illustrationen erfasst und untersucht, die das Thema „Parteispende“ und/oder „SPD und Köln“ behandelten (bei den Regionalblättern wurde jeweils die Ausgabe des Verlagsortes herangezogen).

Die im Rahmen einer wissenschaftlich angelegten Inhaltsanalyse durchgeführte Untersuchung erbrachte ein sehr präzises Röntgenbild über die Art der Berichterstattung über die beiden Ereignisse. Hier eine knappe Zusammenfassung unserer Befunde:

1.) Die Behauptung, drei Regionalzeitungen, an denen die SPD über die dd_vg. Besitzanteile hält, hätten eine „Stern“-Geschichte über die CSU-Parteispendenpraxis („Patenabo“) über Gebühr aufgeblasen, ist falsch. Tatsächlich ist der Umfang der Berichterstattung über Innenpolitik vom Konzept der jeweiligen Zeitung (Blattstruktur) geprägt. Zeitungen, die standardmäßig der Innenpolitik mehr Raum geben, haben ausführlicher berichtet; Zeitungen, die der Innenpolitik weniger Platz geben, waren knapper. Ein Zusammenhang zwischen der Intensität der Berichterstattung und SPD-Beteiligung ist nicht erkennbar.

2.) Die Behauptung, die Zeitungen mit SPD-Beteiligung hätten den Kölner SPD-Spendenskandal anfangs verschwiegen, dann nur auf kleiner Flamme behandelt, ist falsch. Die genannten Zeitungen haben den Fall intensiver und zum Teil sogar SPD-kritischer behandelt als vergleichbare andere Regionalzeitungen ohne SPD-Beteiligung.

3.) Die Behauptung, die Zeitungen mit SPD-Beteiligung hätten, wenn sie über den Kölner Skandal berichteten, dies unter „beständigem Verweis“ auf die CDU-Spendenaffäre getan, ist falsch. Die SPD-beteiligten Zeitungen haben seltener auf die CDU-Affäre verwiesen als vergleichbare Zeitungen ohne SPD-Beteiligung. Im Übrigen dienten die Verweise der Abgrenzung, um die qualitativen Unterschiede zwischen beiden Affären aufzuzeigen.

4.) Die vom „Medientenor“ zur Stützung seiner Behauptungen aufgeführten Daten sind wissenschaftlich nicht haltbar und faktisch nicht nachvollziehbar. Unsere nach allgemein gesicherten Methoden durchgeführte Analyse der fraglichen Zeitungsausgaben liefert andere Daten. Diesen zufolge sind die Behauptungen des „Medientenor“ aus der Luft gegriffen.

5.) Die Qualität des journalistischen Angebots (wie: Vielfalt der Standpunkte) der drei Zeitungen mit SPD-Beteiligung lag bei den hier untersuchten Fällen oftmals über derjenigen der drei Vergleichszeitungen. Konzeptionelle Mängel oder politische Einseitigkeiten waren nicht feststellbar. Der behauptete Einfluss der SPD auf die politische Linie der Blätter erweist sich als Phantasiegebilde.

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